Wenn’s der Doktor sagt…
- lavieenroute
- 29. Dez. 2023
- 4 Min. Lesezeit
Teil 2 unserer Texas-Serie: Von erfindungsreichen Apothekern, mikroskopischen Wasserfällen und einer im besten Sinne seltsamen Hauptstadt.
Fort Worth verabschiedet uns mit strahlendem Sonnenschein. Vor uns liegt eine überschaubare Etappe, der Mietwagen ist vollgetankt und unser Frühstück im Springhill Suites haben wir stilecht auf Papptellern genossen. Wir steuern den Nissan noch einmal durch die Innenstadt und sind nach kurzer Zeit auf der Interstate in Richtung Süden. Unser Ziel für den Tag: Austin, die texanische Hauptstadt.
Doch unterwegs liegt noch ein anderes kleines Highlight, das wir uns näher anschauen möchten. Wir verlassen den Highway in der Stadt Waco. Denn wir haben Durst, und Waco ist die Heimat der Getränkemarke Dr. Pepper mitsamt dem zugehörigen Museum. Dr. Pepper, ein je nach Geschmack wunderbar oder schrecklich zuckriges und koffeinhaltiges Getränk, wurde dort von einem Apotheker erstmals zusammengebraut und ist noch vor seinem klebrigen entfernten Verwandten Coca-Cola entstanden.
Hier entlang zum Doktor.

Das Museum zur Marke wird heute von einer unabhängigen Stiftung betrieben, sehr charmant geführt und ist deutlich weniger kommerziell und auf Hochglanz poliert wie beispielsweise die World of Coca-Cola in Atlanta. Im Eintrittspreis inbegriffen ist selbstverständlich ein kühles Glas Dr. Pepper, und wir sagen dazu ebenso selbstverständlich nicht Nein, nachdem wir gemütlich durch das Museum gestreift sind.
Zurück auf der Strasse nähern wir uns Austin und erkennen bald die Skyline der Stadt mit der charakteristischen Kuppel des texanischen Parlaments. Unsere Unterkunft, das Fairmont, ist gut gelegen, und wir nutzen die zentrale Lage aus, um an diesem sonnigen Nachmittag erste Eindrücke zu sammeln. Am Tag vor Thanksgiving wirkt Austin ruhig, aber viele Bars und Restaurants in der Innenstadt sind offen. Die Downtown scheint sicher zu sein und so erkunden wir zu Fuss Strasse um Strasse und lassen den Abend schliesslich bei Tacos und Dr. Pepper ausklingen.
Wasserfall, Texas-Edition

Den Feiertag beschliessen wir trotz des eher grauen Wetters draussen zu verbringen. Unser erstes Ziel ist der McKinney Falls State Park, ein kleiner Park am Rand der Stadt, der für seine Wasserfälle bekannt ist. Wir spazieren dort über die Trails, begegnen ausser selbstbewussten Eichhörnchen auch einem überraschend grossen Hirsch und stellen fest, dass das Wort «Wasserfall» ein sehr relativer Begriff ist. Bunte Bäume gemischt mit Kakteen und markanten Gesteinsformationen machen den Park dennoch sehr sehenswert – und überraschend. Denn der Weg dorthin führt durch ein ausgedehntes Industriegebiet, in dem sich das Hauptsitz von Tesla befindet und das an den Flughafen von Austin angrenzt. Eine Oase sozusagen.
Am Nachmittag entdecken wir die grüne Seite der Innenstadt. Am Colorado River und Lady Bird Lake gibt es unzählige Spazier- und Radfahrmöglichkeiten und wir mischen uns unter die Locals, die entweder Anlauf nehmen und sich mental auf ihr Thanksgiving-Menü vorbereiten oder sich gerade in Zeitlupe davon erholen. Wir staunen inzwischen über die Bedeutung von Austin für ihr inoffizielles Wappentier, die Fledermaus. Unter einer der viel befahrenen Brücken über den Fluss leben bis in den Herbst hinein Schätzungen zufolge rund zwei Millionen Bulldoggfledermäuse, die dort abends wolkenweise in den texanischen Himmel hineinflattern. Im November treffen wir sie nicht mehr an, doch halten wir das für einen guten Grund, vielleicht einmal zu einer anderen Jahreszeit nach Austin zurückzukehren. Zuerst jedoch beschliessen wir, das Thanksgiving-Dinner im Hotel auszuprobieren und werden dabei auch nicht enttäuscht.
Den Tag nach Thanksgiving widmen wir zunächst den lebendigen Strassencafés der Hauptstadt. Wir lassen die Atmosphäre auf uns wirken, treffen immer wieder Live-Musik an und finden Austin ausgesprochen entspannt. Doch uns ist es auch wichtig, das politische Herz des Bundesstaats besser kennenzulernen und machen uns auf dem Weg zum Kapitol. Verfehlen kann man es nicht, denn die Kuppel dieses historischen Bauwerks ist über 90 m hoch und grösser als die Kuppel des Kapitols in Washington D.C. Eine selbstbewusste Darstellung der lokalen Demokratie.
Nicht zu übersehen: Texas' politisches Herz.

Was uns erstaunt: Der Zugang zum Kapitol, das nicht nur Plenarsäle, sondern auch die Büros von Abgeordneten in sich birgt, ist abgesehen von einem Sicherheitscheck am Eingang für alle Interessierten möglich. Im Gebäude kann man sich überall frei bewegen. Und: In regelmässigen Abständen bietet das Haus kostenlose Führungen an, die einige architektonische Highlights zeigen und vor allem auch auf das politische System des Staates eingehen. Gäste aus dem Ausland werden sehr herzlich begrüsst, die Guides freuen sich aufrichtig über das Interesse. Was für uns in Austin nicht mehr möglich sein wird, ist ein Besuch der Residenz des Gouverneurs in der Nähe des Kapitols. Gerne hätten wir uns auch mit diesem historischen Ort näher beschäftigt, ein Besuch dort erfordert jedoch wegen zusätzlicher Sicherheitsüberprüfungen mehr Vorlaufzeit. Mit den kontroversen politischen Entscheidungen des derzeitigen Amtsinhabers (Stand Ende 2023) können sich Texas-Interessierte natürlich auch über amerikanische und internationale Medien beschäftigen.
Um uns würdig von Austin zu verabschieden, verbringen wir den Abend in der Rainey Street, einer kleinen Strasse, die von Wolkenkratzer-Baustellen genauso geprägt ist wie von kleinen Bars und Restaurants. Und: Von einem Biergarten europäischer (eigentlich: deutscher) Machart. Auch dort treffen wir wie an so vielen Orten in Austin auf Live-Musik und freuen uns an der warmen Atmosphäre. Die Interpretation der Currywurst überzeugt uns zwar nicht, trotzdem geniessen wir den Abend und saugen möglichst viele Vibes dieser liberalen texanischen Boomtown in uns auf. «Keep Austin weird», hat sich die Stadt inoffiziell auf die Fahnen geschrieben. Wir sind der Meinung: Unbedingt!
Austin: Bitte recht seltsam bleiben.




Kommentare