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Der Abschied

  • lavieenroute
  • 4. Dez. 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Dez. 2024

Wer eine Wochenendreise in Europa ins Auge fasst, steuert häufig Orte wie Paris an. Die Bayerischen Seen. Oder einen kurzen Stopp am Meer. Das sind auch wunderbare Ideen. Unser Reiseziel ist ganz anders. Ein Ausflug nach Wolfsburg.


Hauptstädte sind oft etwas Besonderes. Und wenn es so etwas gäbe, wäre Wolfsburg eine der Hauptstädte des Automobils.  Die es stolz zeigt und ihren Produkten einen Erlebnispark gebaut habt.

 

Schon lange wollten wir einmal die Autostadt besichtigen, einen «Erlebnisort», eine «Kommunikationsplattform» des Volkswagen-Konzerns, wie es in dessen PR-Sprache heisst. Auch wer im Dilemma zwischen einem Dasein als Technik-Geek und Naturschützer lebt, kann der Vorstellung von faszinierenden Sportwagen, Industriekultur und spannenden Ausstellungen sicher etwas abgewinnen.

Ikone der Industrielandschaft: Das Volkswagen-Werk.
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Also, lohnt sich die Reise nach Niedersachsen? Sagen wir: Teilweise.
 
Der erste Eindruck der Autostadt: Ein gepflegter Park mit schön angelegter Bepflanzung, vor allem in Herbstfarben. Wir besuchen direkt die erste Ausstellung im sogenannten «Zeithaus», wo Volkswagen sich mit der Geschichte des Automobils beschäftigt. Dort sind viele Automobile aus verschiedenen Jahrzehnten zu sehen, auch solche, die mit Wolfsburg gar nichts zu tun haben.
 
Auffällig: Die meisten Menschen bleiben an Exponaten der Hersteller Alfa Romeo, Jaguar und Citroën stehen – vielleicht kennen sie ja einfach die konzerneigenen Produkte besonders gut? Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, wie die hauseigenen Produkte präsentiert werden, denn das Markenerlebnis insgesamt hinterlässt keinen allzu überzeugenden Eindruck.

Sind wir sehr alt geworden oder war Design früher einfach handwerklich tatsächlich besser?
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Eines der Beispiele ist eine Ausstellung über die Geschichte des ehemaligen Bestsellers namens VW Golf. Seit 50 Jahren im Programm – vieles hätte sich in eine packende Story verpacken lassen. Doch das hätte sicher etwas Zuneigung zum eigenen Produkt erfordert, und so stehen in der entsprechenden Halle genau drei Volkswagen etwas verloren herum, dazu gibt es einzelne spielerische Elemente. Wer Grosskonzerne auch von innen kennt, identifiziert hier eine Low-Budget-Massnahme vom Feinsten.
 
Der nächste Schock: Der Pavillon der Konzernmarke Porsche. Äusserlich von feiner Architektur, zeigt die Ausstellung doch gerade einmal zwei traurige SUVs. Sportwagen ist keiner zu sehen, der Raum, der eigentlich dem Modell 911 gewidmet ist, ist abgesperrt.
 
Und so ist ein klammer Eindruck in den diversen Hallen zu spüren. In Zeiten, wo Volkswagen vor allem mit der Entlassung zehntausender Mitarbeitender Schlagzeilen macht, scheint es vielleicht sogar angemessen, sich etwas dezenter darzustellen.
 
Trotzdem, hier in der Herzkammer der Industrieikone Volkswagen, sollte dennoch ein anderer Funke überspringen. Der Besuch in der Autostadt deprimiert, es fühlt sich an, wie ein Abschied von einer Produktwelt, die für Generationen von Menschen begehrenswert war, an die aber nun die eigenen Botschafter*innen nicht mehr glauben.
 
Und plötzlich stehst du im Wasser: Offroad mit VW.
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Alles düster also? Eine Ausnahme gibt es sicher, denn im Aussenbereich der Autostadt gibt es Produkte zum Anfassen – und zwar zum Offroaden, genauer gesagt. Begleitet von einer fachkundigen Person kann man selbst ausprobieren, wie geländegängig einige der Volkswagenmodelle sind. Und die Offroad-Freaks, die die Touren begleiten, scheinen die gelassensten Menschen zu sein, die in Norddeutschland unterwegs sind, und das heisst schon etwas. Sie wissen, was die Touaregs, Amaroks und Tiguans so alles können, und das ist überraschen viel. Sinnbildlich jedoch: Was Volkswagen hier zeigt, sind sicher leistungsfähige Geländefahrzeuge – aber eben auch absolute Dinosaurier.
 
Lohnt sich also der Weg nach Wolfsburg, auch wenn man nicht gerade plant, einen neuen Volkswagen dort abzuholen: Eher nein. Wenn man jedoch gerade in der Region ist und der/die Lokführer*in der Deutschen Bahn nicht vergisst, in Wolfsburg anzuhalten, bietet sich ein Zwischenstopp in der Autostadt an – vielleicht verbunden mit einer Konzern-Currywurst?

Sonst so: Das Wolfsburger Schloss.
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Gut zu wissen

Wolfsburg liegt grob gesagt auf dem Weg von Hannover oder Kassel nach Berlin (oder andersherum). Es gibt einen ICE-Bahnhof, der meistens auch bedient wird. Der nächsterreichbare Flughafen, der aus der Schweiz angeflogen wird, ist Hannover.
 
Die Wolfsburger Hotellerie bietet eine recht begrenzte Auswahl. Für die Autostadt bietet sich das Ritz Carlton an, das auf dem gleichen Campus liegt. Kein günstiger Spass, jedoch ist der Eintritt zur Autostadt bereits enthalten und das Hotel ist ein schönes und freundliches Haus mit einem für Norddeutschland fast schon überwältigend herzlichen Service.
 
Sightseeing in Wolfsburg ist sonst keine ausgiebige Angelegenheit. Sehenswert ist das Schloss (siehe Foto), und wer etwas dafür übrig hat, sieht sich ein Fussballspiel des VfL Wolfsburg an, ansonsten gibt es auch noch eine Outlet-Shopping-Mall.

 

 
 
 

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