Das Ende der Schwerelosigkeit
- lavieenroute
- 29. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Reisen bedeutet sehr oft, glückliche Momente zu erleben. Leichtigkeit zu erfahren. Doch im Jahr 2025 tut man gut daran, diesen Schwebezustand einmal gezielt zu unterbrechen. Denn bekanntlich wird die liberale, offene Zivilgesellschaft, die uns das Reisen überhaupt erst ermöglicht, momentan vielerorts auf harte Proben gestellt. Um zu reflektieren, wohin das führen kann, beschäftigen wir uns mit dem vielleicht düstersten Ort, den die Geschichte überhaupt hervorgebracht hat.
Gerade noch war es ein etwas grauer, aber milder Junivormittag. In einem kleinen Städtchen im Süden Polens versorgte uns die herzliche Kellnerin in einem Café mit einem frühen Lunch und mit heissem Kaffee.
In dieser freundlichen Umgebung fällt es schwer sich vorzustellen, was vor etwas mehr als 80 Jahren nur einen Steinwurf von hier vorgefallen ist. Denn dieses Städtchen ist wirklich sehr malerisch und idyllisch. Sein Name lautet Oświęcim, oder auf deutsch: Auschwitz.
Nur ein kurzes Stück ausserhalb des Ortskerns liegt die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Viele Gruppen warten auf eine Führung, wir ebenfalls. Der einsetzende Regen passt zur Stimmung.

Unser Guide ist bemerkenswert, denn er trifft den Ton – er schont uns Besuchende nicht und spricht sehr deutlich aus, was hier geschehen ist. Jedoch ohne Inszenierung, denn der Ort spricht für sich selbst. Wir sehen Spuren des Grauens, zum Beispiel stapelweise übriggebliebene Gepäckstücke der hier getöteten Menschen, oder ihre Brillen.
Als Gruppe schreiten wir auch einmal durch eine der bedrückenden Gaskammern des Lagers. Anders als die rund 1,1 Millionen Menschen, die in den Lagern in Auschwitz ermordet wurden, erwartet uns am anderen Ende des Baus eine offene Türe.
Die geführte Tour durch die Gedenkstätte umfasst im Wesentlichen zwei Teile. Zunächst sieht man das noch weitgehend erhaltene Stammlager. Anschliessend gibt es einen Transfer auf das Gebiet, wo das eigentliche Vernichtungslager war. Davon sind viele Teile zerstört worden. Jedoch erahnt man die Dimensionen der Anlage, sowohl was die Fläche selbst angeht, aber auch die Länge der Bahnrampe, die früher als Ort der Selektion diente. In kürzester Zeit wurden Familien getrennt, wurde über Leben oder Tod entschieden, wurden Menschenleben entweder kurzerhand beendet oder in eine qualvolle Richtung gezwungen.

Etwa 6 Millionen Menschen hat das deutsche NS-Regime auf diese Weise getötet, und doch gibt es eine (wieder?) wachsende Zahl von Menschen, die sich dieses Teils der Geschichte entweder nicht bewusst sind oder ihn schlicht und einfach leugnen. Wie man auf diese wirre Idee kommt, haben wir noch nie verstanden.
Was also fängt man nun als Reiseblog mit diesen Eindrücken an?
Zunächst einmal fassen wir uns eher kurz und geben den Besuch nicht in allen Details wieder. Denn: Wir möchten alle Lesenden ermutigen, nach Polen zu reisen, um sich selbst ein Bild zu machen. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau ist möglicherweise der einzige Ort überhaupt, dem wir von ganzem Herzen so viele Besuchende wie möglich wünschen. So dass möglichst viel Wissen darüber gestreut wird, wohin Entmenschlichung führen kann. Denn, mit diesem Worten enden die Führungen vor Ort, Geschichte kann sich wiederholen. Es kann wieder passieren.
Wir möchten unseren Teil dazu beitragen, dass sich möglichst viele Reisende nicht nur mit den Traumstränden Balis, sondern auch mit dem Ort beschäftigen, von dem der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel sagte, die menschliche Existenz könne nie mehr so sein wie zuvor.
Also: Wer auf der Suche nach dem nächsten Reiseziel in Europa ist – das Städtchen Oświęcim und seine Gedenkstätten sollten dringend auf die Liste.
Denn nie wieder ist jetzt.




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