Wale, Wahlen, Weltkultur: Québec entdecken
- lavieenroute
- 11. Nov. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Frankophonie, berührende Natur und jede Menge Geschichte: Québec und seine gleichnamige Hauptstadt haben viel zu erzählen. Doch Québec lebt keinesfalls in der Vergangenheit und fesselt mit seiner Energie – und viel Charme.
Steinhäuser. Crêperien. Konstanter Wind. Und doch sind wir nicht in der Normandie. Auch nicht in der Bretagne. Denn die allgegenwärtigen Ahornbäume, der Sirup, den sie abgeben, und die Skyline, die die alten Häuser einrahmt, sind verräterisch kanadisch.
Natürlich sind die europäischen Vibes so gegenwärtig wie an sonst sehr wenigen Orten in Nordamerika. Auch aufgrund der Tatsache, dass die französische Sprache hier in Québec, der Hauptstadt Québecs, eine noch dominantere Stellung einnimmt als etwa in Montréal.
Europa in Amerika: Skyline von Québec

Québec ist eine nordamerikanische Grossstadt mit europäischer Altstadt, eine Provinzhauptstadt, die internationale Ausstrahlung hat. Denn auch wer sich nicht intensiv mit der Geschichte dieser Region beschäftigt hat, hat vielleicht von der Separatismusbewegung in Québec gehört, deren Ziel es ist, aus Québec einen eigenständigen Staat zu machen und nicht länger ein Teil Kanadas zu sein. Zwei Volksabstimmungen sind gescheitert, doch die Bewegung und das damit verbundene Selbstverständnis bestehen weiterhin. Und mindestens der frankophone Teil der Weltbevölkerung schaut weiterhin gespannt zu. Sowie auch Schottland, ein bisschen, vermutlich.
Reisenden präsentiert sich Québec sehr schmuck, gemütlich, freundlich. In der Altstadt – übrigens Teil des UNESCO-Weltkulturerbes – befindet sich eine der schöneren Fussgängerzonen des Kontinents, und stolz thront hoch über dem Sankt-Lorenz-Fluss das Château Frontenac, ein riesiges Hotel, das einem Schloss nachempfunden ist. Die Altstadt ist liebevoll gepflegt, mit Blumen geschmückt und empfängt Besuchende sehr freundlich – und vor allem in französischer Sprache.
Das Château Frontenac, Wahrzeichen der Stadt Québec

In den Restaurants, Bars, Parks und Läden ist viel los. Zweifellos ist Québec eine gefragte Tourismus-Destination und auch das Ziel von Kreuzfahrtschiffen. Inklusive der damit verbunden Hektik, die Nicht-Kreuzfahrende eben inmitten stramm organisierter Tages- und Halbtagestourengruppen auch zu spüren bekommen.
Bei La vie en route sind wir lieber auf eigene Faust unterwegs, und so haben wir uns einen fahrbaren Untersatz besorgt, der uns erlaubt, die Stadt kurz zu verlassen. Unmittelbar in Sichtweite der Stadt gelegen ist die Ile d’Orléans, eine kleine Insel mitten im Fluss. Dort gehen die Uhren etwas langsamer. Nach einem kurzen Stopp in der Insel-Chocolaterie blicken wir auf die Skyline Québecs und rollen dann langsam über die Insel. Und dies wortwörtlich, denn Traktoren und Kühe haben hier eindeutig Vorfahrt und erstere sind durchaus auch so breit wie die Inselsträsschen.
Spontan stoppen wir mitten im Wald, denn eine «Sucrerie» bietet an, Besuchenden zu erklären, wie kanadisches Gold hergestellt wird – die Rede ist von Ahornsirup. Wir packen unser komplettes Französisch aus, und können den Ausführungen des freundlichen Ahornproduzenten sogar weitgehend folgen. Frisch eingekocht nehmen wir eine Flasche mit nach Hause – zuckrig, vegan, ein tolles Naturprodukt.
Frischer geht's nicht: Ahornsirup in Produktion

Wir verlassen Québec in Richtung Norden und tauchen entlang des Flusses in die Weite dieses Landes ein. Die Elch-Warnschilder häufen sich, und die Begegnung mit Bären scheint hier sehr wahrscheinlich zu sein. Was uns hierher führt, sind jedoch nicht die Tiere, die den Wald bewohnen. Uns interessieren die Giganten des Meeres, für die der Sankt-Lorenz-Strom eine Art nie endendes Buffet darstellt. Zwergwale, Belugas, Pottwale, Finnwale und viele mehr lassen sich in der Region beobachten, vor allem vom Städtchen Tadoussac aus.
Hier zeigt sich ein Vorgeschmack auf das wilde Kanada. Ein 30 Kilometer breiter Fluss, endlose Wälder und immer weniger Besiedlung treffen auch auf immer weniger Englisch. Tadoussac ist gemütlich. Kleine Restaurants und Cafés bilden das Zentrum, und wenn man tagsüber den Touristengrüppchen folgt, landet man schnell auf einem Boot, das einen mit hoher Geschwindigkeit näher zu den Walen bringt. Man ist definitiv nicht allein auf dem Wasser, doch sobald sich ein Wal laut atmend kurz zeigt, vergisst man die anderen Menschen und Boote. Ein unglaublicher Moment. Wer Wale erlebt, wird sich schockverlieben – die Aura und Präsenz der Meeressäuger ist kaum zu beschreiben.
Und plötzlich ist er da, ganz nah: Walbegegnung bei Tadoussac

Für Québec alleine (Stadt und Provinz) bräuchte man eigentlich mehrere Wochen zur Erkundung. Abgesehen von den grossen Städten ist die Natur und Weite der Region sehr vielfältig. In den Parks Québecs, an den Küsten und in den Wäldern kann man viel Zeit verbringen, auch die enormen Entfernungen und nach Norden hin abnehmende Infrastruktur verlangsamen eine Reise.
Diese Zeit haben wir dieses Mal nicht mitgebracht, und nach kurzen Aufenthalten in der Stadt Québec und in Montréal verabschieden wir uns von Kanada, dem «Great White North», der in Wahrheit unglaublich bunt ist und uns mit seiner Diversität, Vielsprachigkeit und Natur gefesselt hat. A bientôt!
Gut zu wissen
Die Stadt Québec ist an das kanadische Bahnnetz angeschlossen und gut mit Viarail erreichbar. Einen Flughafen gibt es auch, doch die einzigen Direktverbindungen nach Europa gibt es ab und nach Paris mit Air Transat und saisonal mit Air France.
Wir haben in Québec und auch Tadoussac mehrere Unterkünfte ausprobiert. Die Einzige, die uns wirklich zugesagt hat, heisst «Le Manoir d’Auteuil» und liegt am Rand der Altstadt Québecs. Ein wundervolles kleines Hotel, das allerdings seinen Preis hat.
Die Küche Québecs ist sehr vielseitig, originell und geht weit über die amerikanische Gastronomie hinaus, die auch in den anglophonen Teilen Kanadas verbreitet ist. Hier eine Auswahl an Adressen, die uns gut gefallen haben:
Das Le Continental in Québec – die Überschrift hier lautet «Old School». Dieses etwas formellere Restaurant könnte auch in Frankreich stehen. Wer Steak oder Crêpes Suzette bestellt, sieht am eigenen Tisch, wie das Gericht zubereitet wird – Flambieren inklusive. Die Website war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht erreichbar.
Das BEClub Bistro in einer Nebenstrasse der Fussgängerzone. Die Küche ist kreativ und aus regionalen Zutaten, inklusive Wein aus Québec (spoiler alert: der Wein hat eine gesunde Säure und ist die Erfahrung Wert). Sehr freundlich und gemütlich.
Die Microbrasserie in Tadoussac. Das angeschlossene Pub ist lebendig, freundlich und bietet abgesehen von Pubfood die Möglichkeit, das lokale Bier zu kosten.
Ebenfalls in Tadoussac gibt es ein kleines Café mitten im Dorf namens l’Abri Côtier. Von der Terrasse aus kann man das Gewusel im Örtchen betrachten, aber auch auf den Fluss hinausschauen.
Wer in Tadoussac Wale beobachten möchte, kommt nur schwer an AML Croisières vorbei. AML bietet Ausflüge auf grösseren Schiffen an. Wer den Tieren näher sein möchte und auch mit weniger Menschen unterwegs, macht am besten eine Tour mit einem motorisierten Schlauchboot – auch wenn diese Bezeichnung für die Schnellboote mit ca. 20-30 Sitzplätzen etwas bescheiden klingt. Die Guides an Bord sind bestens geschult und gleichen das «Massenerlebnis» an Land wieder etwas aus.



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